{"id":23,"date":"2008-07-15T08:13:03","date_gmt":"2008-07-15T06:13:03","guid":{"rendered":"http:\/\/rainerlanghans.de\/?p=23"},"modified":"2008-07-19T08:16:33","modified_gmt":"2008-07-19T06:16:33","slug":"zwischen-ego-und-erkenntnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rainerlanghans.de\/?p=23","title":{"rendered":"Zwischen Ego und Erkenntnis"},"content":{"rendered":"<p><strong>connection-Autor Klaus P. Horn rezensiert Rainer Langhans neues Buch: \u00bbIch Bin&#8217;s. Die ersten 68 Jahre\u00ab (Blumenbar Verlag, M\u00fcnchen 2008)<\/strong><\/p>\n<p>Rainer Langhans erz\u00e4hlt sein Leben und als eine der Symbolfiguren der 68er Szene damit vielleicht f\u00fcr manche, die vom Strudel dieser Zeitstr\u00f6mung erfasst waren, in gewisser Weise auch ihres.<br \/>\nSein Titel \u00bbIch bin&#8217;s\u00ab zwinkert nett und kokett zwischen Ego und Erkenntnis und so schillert auch das Buch zwischen Wagnis und Plauderei, Tiefe und Tratsch \u2013 ein m\u00e4nnlich-weibliches Unternehmen eben. Genau das ist sein gro\u00dfes, politisch-privates Thema. Den Vorspann bilden sch\u00f6n erz\u00e4hlte Episoden einer Kriegs- und Nachkriegskindheit in Ost und West. Mit einer langen Pubert\u00e4t beginnen dann Ann\u00e4herung und Auseinandersetzung mit dem ewig Weiblichen in sch\u00fcchternen, schw\u00e4rmerisch verklemmten Liebesgeschichten wie sie f\u00fcr die 50er und fr\u00fchen 60er Jahre typisch waren.<br \/>\nEs folgt sein Kampf, die Geschichte eines Frontk\u00e4mpfers beim Sturmangriff auf die inneren Bastionen der b\u00fcrgerlichen Erziehung. Angst und Mut, Wut und Stolz fehlen da ebenso wenig wie Sex, Drogen und Crime. Und nat\u00fcrlich das Namedropping, das die \u00d6ffentlichkeit von ihm erwartet: mit entsprechender APO, Pop- und Filmprominenz der 60er und 70er kann er aufwarten. Interessant, ja, aber es geht ihm um mehr: um nicht weniger als Befreiung von menschlichem Leid und irdischer Schwere. Es ist nicht die Hoffnung auf bessere nachrevolution\u00e4re Umst\u00e4nde, wie sie APO und RAF ertr\u00e4umen, die ihn treibt.<\/p>\n<p><strong>Bewusstseinsarbeit<\/strong><br \/>\nNein, durch innere Revolution, Ver\u00e4nderung der menschlichen Verfassung sucht er das gro\u00dfe Ziel zu erreichen. Sexpol war das Zauberwort der Szene damals, also Politisierung des Privaten, Bewusstseinsarbeit an Sexualit\u00e4t, Beziehung, Familie und allm\u00e4hliche innere Vervollst\u00e4ndigung durch die andere H\u00e4lfte. Damit findet er wenig Verst\u00e4ndnis bei seinen K1 Genossen, die sich im heldenhaften Kampf gegen die herrschende m\u00e4nnliche Konkurrenz beweisen m\u00f6chten. Der Autor aber sieht sein weibliches Gegen\u00fcber als Tor zur Freiheit. Sie ist die Gef\u00e4ngnisw\u00e4rterin, die verhei\u00dfungsvoll mit dem Schl\u00fcsselbund rasselt. Denn: \u00bbVor dem Meister steht die Frau\u00ab. Weg will er mit ihr, raus aus dem K\u00f6rper ins freie Schweben, das die Drogen nur erahnen lassen. Aber will sie das auch? Eher nicht. Wo ist schlie\u00dflich weg? Also endet, nach dem Scheitern der Kommune, auch dieser Traum.<br \/>\nAls somit auch die sehns\u00fcchtige Verkl\u00e4rung des Weiblichen mit dem Ende seiner Beziehung in die Sackgasse f\u00fchrt, vollzieht er die Kehrtwendung: Rechtsum zur\u00fcck zum M\u00e4nnlichen. Entsagung und Askese, Befehl und Gehorsam, das kannte er schon von seinen ersten M\u00e4nner-Kommunen, dem christlichen Internat und der Bundeswehr. Nun folgt der harte Guru, der Sikh aus jenem Punjab-Ethno, der traditionell das Spirituelle mit dem Milit\u00e4rischen vereint: Schlu\u00df mit dem Lotterleben, fordert der, Zucht und Ordnung sowie Zur\u00fcckzahlung karmischer Schulden, woraufhin der Autor gehorsam und kurzgeschoren in die Besenkammer seiner WG zieht, Schulden abstottert und das Karma obdachlos gewordener Besen auf sich l\u00e4dt.<br \/>\n<strong><br \/>\nDer Weg zum Weiblichen<\/strong><br \/>\nDen Weg zur\u00fcck zum Weiblichen schl\u00e4gt er erst sp\u00e4t und mit asketischer R\u00fcckversicherung wieder ein, so wie es mancher indischen Entsagungstradition entspricht. Gandhi etwa begann mit Tantra erst auf dem Sterbebett. Langhans beginnt nun ein bemerkenswertes Experiment, das unter dem missverst\u00e4ndlichen Titel \u00bbHarem\u00ab eine zweifelhafte Popularit\u00e4t erlangt. Er lebt mit mehreren Frauen und bem\u00fcht sich, mit und von ihnen zu lernen, sich \u00bbals Mann zu emanzipieren\u00ab. Wie das funktioniert? Nur in dem sie sich alle gemeinsam auf ein Drittes, \u00abdas Geistige\u00ab orientieren. Denn der Autor sieht sich als Sch\u00fcler, nicht als Lehrer. Allerdings klingt durch, dass \u00bbseine\u00ab Frauen sich so einfach nicht davon abhalten lassen und ihren Mann in Wei\u00df eben doch als Guru beanspruchen.<br \/>\nVerst\u00e4ndlich, wenn er doch f\u00fcr sie die Freiheit von der \u00bbMacht der H\u00fcfte\u00ab repr\u00e4sentiert. Nun nimmt diese ja mit fortschreitendem Alter ohnehin beidseitig ab. Doch wenn sich Erwartungen auf einen \u00bbWei\u00dfen Riesen\u00ab b\u00fcndeln, dass der Intensivwaschgang mit ihm inneren Glanz hervorbringen m\u00f6ge, bleibt unweigerlich ein Grauschleier, denn \u00bbkeiner w\u00e4scht Rainer\u00ab. Wegen seiner Haltung zum Weiblichen ist m\u00e4nnlicher Spott diesen Memoiren so sicher wie weibliche Glorifizierung. Was ist schwerer zu ertragen? Nicht nur blind- bis schie\u00dfw\u00fctige alten KameradInnen, auch die prominenten Damen und Herren aus der Medienwelt \u00e4u\u00dfern sich bislang eher herablassend.<\/p>\n<p><strong>Nur Verlierer k\u00f6nnen gewinnen<\/strong><br \/>\nEin Fazit des Autors wird dagegen gern zitiert: \u00bbWir haben gewonnen.\u00ab Wie wahr, denn nur Verlierer k\u00f6nnen dieses Spiel gewinnen, diejenigen also, die bereit sind, den Preis in der alten W\u00e4hrung zu zahlen: Blut, Schwei\u00df und Tr\u00e4nen. Und bezahlen hat er wohl m\u00fcssen. Als \u00bbVerr\u00e4ter\u00ab einer Befreiungsarmee von Rechtgl\u00e4ubigen und Richtigwissenden hat er Verletzungen davon getragen. Tiefer allerdings scheinen die Schnitte seiner G\u00f6ttin zu sitzen.<br \/>\nGibt es eine bewusste Aufarbeitung? Zumindest erfahren die Leser nichts dar\u00fcber. Auch die Wunden werden nur indirekt sichtbar wie in jenem kleinen Ereignis, das dem Autor in seiner chronologischen Biografie einen singul\u00e4ren Platz wert ist: Die Verleihung des Titels \u00bbEso-Faschist\u00ab durch eine prominente Gr\u00fcne.<br \/>\nDie Kommune l\u00e4sst ihn nicht los. Und so entwickelt er zum Schluss noch eine Vision f\u00fcr ein anderes Altern statt Jugendwahn, gewisserma\u00dfen eine Kommune der dritten Halbzeit. Jung werden, nicht jung bleiben, wenn man alt ist, hei\u00dft f\u00fcr ihn bereit sein zu \u00bbsterben, statt nicht sterben zu wollen\u00ab.<br \/>\n174 Seiten (plus 67 Seiten Anhang) sind nicht viel f\u00fcr eine Biografie, und so wird vieles nur gestreift und an manchen interessanten Punkten wirkt der Text wie zusammengek\u00fcrzt. Schade. Trotzdem: Ein mutiges und ber\u00fchrendes Buch.  <\/p>\n<p>Klaus P. Horn<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>connection-Autor Klaus P. Horn rezensiert Rainer Langhans neues Buch: \u00bbIch Bin&#8217;s. Die ersten 68 Jahre\u00ab (Blumenbar Verlag, M\u00fcnchen 2008) Rainer Langhans erz\u00e4hlt sein Leben und als eine der Symbolfiguren der 68er Szene damit vielleicht f\u00fcr manche, die vom Strudel dieser Zeitstr\u00f6mung erfasst waren, in gewisser Weise auch ihres. Sein Titel \u00bbIch bin&#8217;s\u00ab zwinkert nett und &hellip; <a href=\"https:\/\/rainerlanghans.de\/?p=23\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eZwischen Ego und Erkenntnis\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[23,22,11,26,24,21,7,25],"class_list":["post-23","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-bewusstseinsarbeit","tag-der-weg-zum-weiblichen","tag-ich-bins","tag-ich-bins-die-ersten-68-jahre","tag-klaus-p-horn","tag-kommune","tag-rainer-langhans","tag-rezension"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rainerlanghans.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rainerlanghans.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rainerlanghans.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rainerlanghans.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rainerlanghans.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/rainerlanghans.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rainerlanghans.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rainerlanghans.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rainerlanghans.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}